Mathematik und Fahrräder: Gerd Kalkühler hat bewiesen, dass beides zusammengehört.
Was im ersten Moment wie eine ungewöhnliche Kombination klingt, ist jahrzehntelang Gerd Kalkühlers Erfolgsrezept. Beides, die Mathematik und Fahrräder, genauer gesagt Rennräder, sind viel mehr als nur seine große Leidenschaft. Sie bringen ihn – indirekt – bis nach Olympia und spielen noch immer eine besondere Rolle im Leben des heute 80-Jährigen.
Schon seit seinem vierzehnten Lebensjahr begeistert sich der Bielefelder für den Radsport. Er startet bei den Deutschen Jugendmeisterschaften und später bei internationalen Bahn- und Straßenrennen, wo er zahlreiche Erfolge verbuchen kann. Sogar in die Nationalmannschaft schafft es der ambitionierte Rennradfahrer. In Bielefeld studiert er Mathematik auf Lehramt, ist zehn Jahre lang Gymnasiallehrer in Heepen. Irgendwann beginnt er, im Keller seine eigenen Fahrradrahmen zu bauen. Diese Rahmen, auf denen Gerd Kalkühlers Name steht, überzeugen schließlich die „deutsche Elite“, die sie auf den namhaftesten internationalen Wettkämpfen einsetzt.
Als Sportler mit genau diesen Rahmen bei den Olympischen Spielen drei Goldmedaillen gewinnen, ist die Resonanz überwältigend. „Alle wollten plötzlich Fahrradrahmen von mir!“, berichtet Kalkühler. Also hängt er 1976 seinen Job als Lehrer an den Nagel und macht aus seinem Hobby „einen anstrengenden Beruf.“ Was aber macht seine Rahmen so besonders? „Da kommt wieder die Mathematik ins Spiel“, erklärt er. „Ein Rahmen für den Radsport wird individuell an die Körpermaße des Rennfahrers, die Disziplin, häufig sogar die Maße der Bahn angepasst. Von der Winkelstellung bis hin zur Länge der Rohre besteht der Rahmen aus geometrischen Formen – und die kann ich optimal berechnen.“ Dass er nicht nur rechnen, sondern auch schweißen und löten kann, macht Gerd Kalkühler zu einem gefragten Mann.
20 Jahre lang baut er neben seinen Profi-Rädern auch Rahmen für die Bielefelder Firma Gudereit. Als das endet, eröffnet der Rennradbauer und -fahrer in Schildesche seine eigene Werkstatt, in der er bis heute täglich schraubt, lötet, schweißt und repariert. „Was soll ich denn den ganzen Tag zu Hause?“, erwidert Gerd Kalkühler auf die Frage, warum er sich nicht zur Ruhe setzt. Sehr zur Freude seiner Kunden, die aus ganz OWL und darüber hinaus in seine Radwerkstatt kommen.
Repariert wird hier alles: von Oldtimer-Rädern und modernen E-Bikes bis hin zu Rollatoren und Rollstühlen. Kalkühler und sein Team kennen sich mit Technologien aus, die so nicht mehr produziert werden und haben auch für Altes und Ungewöhnliches die passenden Ersatzteile. Vor allem aber ist es das Fachwissen aus Jahrzehnten, das den Fahrradprofi zum renommierten Experten macht. Aufs Rad schwingt er sich immer noch: für den Arbeitsweg und natürlich bei den Probefahrten mit den reparierten Räder.
„Und wenn er nicht gerade Fahrräder repariert? „Ich bin seit 55 Jahren verheiratet, habe zwei erwachsene Töchter und zwei Enkelkinder.“ Die Rad-Leidenschaft haben diese nicht geerbt. Dafür profitieren sie von seinen mathematischen und pädagogischen Fähigkeiten: „Ich bin gut damit beschäftigt, meine Enkelkinder in Mathematik in die Spur zu bringen.“ Und die, gesteht der 80-Jährige, ist noch immer sein eigentliches Steckenpferd: „Die Fahrräder, das war immer mein Hobby und dann auch mein Beruf, mit dem ich Spannendes erlebt und viele Erfolge gefeiert habe. Aber wenn ich zu Hause bin und Zeit habe, beschäftige ich mich statt Fernsehen lieber mit den Herausforderungen der Mathematik.“